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Wenn das stimmt, dann ist es eine Katastrophe.
Und ein Grund, warum man vielleicht gar keine große Kunst machen sollte: Man lädt sich zuviel Verantwortung auf die Schultern.
Katja Nicodemus verreißt in der Zeit die „Heimat 3“. Vehement. Enttäuschend sei sie. Peinlich. „Dallas“ wird erwähnt, „Die Guldenburgs“. Keine „politische Überformung des Privaten“ mehr, sondern „Mythisierung des Trivialen“. Zu nah an Herrmännsche und Clarissa, zu viele Soap-Geschichten wie Krebs, Selbstmord, etc.
Eine Katastrophe, wenn das stimmt, und leider ist dem Urteil von Frau Nicodemus eigentlich zu trauen. Und ihre Unterstellung, die Neunziger seien eine Zeit, mit der Reitz einfach nichts mehr zu tun habe und dass daher in seinem Film nur vergangenes Lebensgefühl, nicht mehr das der handlungsrelevanten Jahrzehnte gezeigt werde, sehr nahe liegend.
Und: Der Osten nur als Kulisse, als Fußnote, als Pappkamerad in der eigentlich westdeutschen Erzählwelt des Films – was hat denn Thomas Brussig gemacht?
Das kann ja wohl nicht stimmen. Ich bin ernsthaft besorgt.
Zuviel - oder das Falsche – verlangt Frau Nicodemus wohl, wenn sie das Fehlen von Techno und Loveparade bemängelt. Reitz bleibt ja bei seinen alten Figuren, die eben in den 50ern Jung waren, nicht in den Neunzigern. Da kennt er sich aus, und wir thirtysomethings können von dem Mann wohl nicht verlangen, das er jetzt unsere Jugend nacherzählt.
Das müssen wir selber. (->erzählen lernen)
Aber trotzdem. Gerade die „Zweite Heimat“ bedeutete so viel, war ein neues Wort, einer der großen Einzelfälle in Deutschland, wo das Fernsehgenre „Serie“ zu einer eigenen, guten und natürlichen Form gefunden hatte, wie danach möglicherweise nicht mehr.
Während die Serie als Genre in den USA eine atemberaubende Renaissance erlebte, schien der deutsche Fernsehbetrieb nicht in der Lage, die Spur aufzunehmen – nicht zuletzt sicher, weil die „Zweite Heimat“ den Quotenerfolg der ersten nicht wiederholte.
Für mich, und darum ist sie mir besonders teuer, verbindet sich mit der Serie eines der eindringlichsten Kinoerlebnisse. Es war in Moskau, die Sommerabende waren lang, und das „Dom Kino“, eine Art überdimensioniertes kommunales Kino, zeigte die „Zweite Heimat“ an aufeinanderfolgenden Tagen. Nicht vorher und nicht nachher habe ich mich so dem Deutschen (so im Großen und Ganzen) zugehörig empfunden, wie in den Momenten, in denen ich den Saal verlies und durch die Fenster des Foyers hinaus auf die Dächer und Kuppeln Moskaus schaute. Den Titel, so meine ich, hatte die Serie zu recht. So deutsch die Verhakelungen der Liebe, die Schwärmerei, die Arroganz, die Ambitionen. So bekannt das, wohin man will, und das, wohin es einen führt, und warum es einen dahin führt. Ein fesselndes Mentalitätsbild, das, obwohl in München (wo ich kaum war) und vor meiner Geburt angesiedelt, treffender kaum sein konnte. Und dessen Unterschiedenheit von Anderem umso deutlicher wurde, weil ich ja die Menschen um mich kannte, diese Russen, die in vielem so ähnlich und insgesamt so bezaubernd, aber in vielem auch so völlig unbegreifbar und fremd waren: In ihrem todernsten Pathos, ihrem Klassendünkel (und das nach 70 Jahren Sozialismus!) (oder deswegen!), ihrer Offenheit, ihrem Machismo, ihrer fast gefährlichen Freundschaft.
Da hat mir also das Zusammenwirken dieses so genauen und so emotionalen Filmes und dieser beeindruckenden Stadt ein Gefühl geschenkt, dessen Gegenteil ich damals in Deutschland stets kultiviert hatte (gezwungen, allerdings, durch Helmut Kohl und seine Kohorten – zu denen wollte man nun wirklich nicht gehören): Zugehörigkeit. Wenn das in Deutschland so ist, wenn die Menschen dort so fühlen und handeln, gehöre ich wohl dazu.
Ja, und nun macht Reitz also was über die Wende, die Neunziger, natürlich, da habe ich so einiges erwartet, und auch gedacht: Der Mann hat 24 gelungene Teile rausgedrückt, da scheint er es ja zu können, da ist die Frage gar nicht so sehr, OB es klappt, sondern WIE es klappt...
Und nun, gierig von mir gelesen, die erste Kritik nach der Premiere in Venedig, ein Verriss. Ein totaler. Oh nein, wirklich, das wäre eine Katastrophe.

Nur die Ruhe, sag ich mir.
 

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