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Mal Vorweg zum Thema Zufälle: Charlie Sheen spielt einen Jungen Namens Fox (Bud). Jahre später spielt er wieder einen Jungen namens Fox (Michael J.). In "Spin City". Wenn man so will. Aber das nur am Rande. Und ich finde schon in Wallstreet schaut er ein wenig so drein wie Fox.

Martin Sheen ist der beste Darsteller - schon nicht mehr ganz jung, aber doch noch deutlich mehr "Apocalypse Now" als "West WIng". Mit Michael Douglas kann ich mich irgendwie nicht mehr so recht anfreunden, und Terence Stamp ist älter wirklich um Längen besser. Der ganze Film natürlich sehr sehr achtziger. Leider legt Oliver Stone Sheen mehrmals Worte in den Mund, die man nicht so gerne hören möchte. Denn schließlich ist Stone ja ein Liberaler, und der Film ist ein kritischer dem Raubtierkapitlismus der achtziger gegenüber (da waren die Raider bei uns noch garnicht angkommen). Also mahnt Sheen alias Fox seinen Sohn, er soll nicht Broker sein, und sein Geld nur mit dem Geld anderer verdienen, mit geschäften, die Selbstzweck sind, sondern lieber etwas herstellen, etwas erschaffen. Das ist nicht antisemitisch, es gibt auch keine jüdische Figur in dem Streifen, aber es ist ein alter antisemitischer Topos: Die Juden spekulieren mit den Werten, die andere schaffen.
Zudem: Das ganze Börsenvierel New Yorks, die Upper East Side, in die Bud Fox übersiedelt, kaum dass er Erfolg hat, und die er wieder verlässt, als er sich eines besseren besinnt, ist natürlich im im kulturellen Bewusstsein Amerikas mit dem Merkmal "jüdisch" verbunden...

Stone wendet diese Argumentation gegen Reagan, Thatcher und Co., die ja die Bedingungen für diese neue Geschäftswelt schufen. Es bleibt aber die schon biblische Verurteilung des Geldverleihers, und das ist nicht gut, auch wenn es ja eigentlich um was ganz anderes geht.

Vor ein paar Tagen habe ich "The Hours" auf DVD gesehen, und seitdem treibt mich neben dem, was der Alltag sonst so durch meine Birne sendet, ein kleines Rätsel um. Die Geschichte von Julianne Moore endet damit, dass Sie ihre Familie, einen Sohn und eine gerade geborene Tochter verlässt, und nach Kanada geht, ohne Begründung einfach für immer abhaut. Um Bibliothekarin zu werden. Der Sohn ist die Hauptfigur einer zeitlich später angesiedelten Episode.Das kam mir bekannt vor, irgendwie so bekannt, das kenn ich doch, von Irving? Schwant mir dunkel. Owen Meany, nein Witwe für ein Jahr, genau, die Protagonistin wird in einer zeitliche früher angesiedelten Episode von ihrer Mutter verlassen, ohne jede Begründung, die geht nach Kanada und schreibt dort Kriminalromane (wenn ich mich nicht täusche).
Kann das Zufall sein? Wir meinen: Nein.
Aber sollte Michael Cunningham in seinem Buch "The Hours", der Vorlage zum Film, bei Irving abgekupfert haben? Oder umgekehrt? So direkt und offensichtlich?

Unwahrscheinlich. Erst recht; weil: "A widow for one year" und "The Hours" sind beide 1998 erschienen.

Eine kosmische Konvergenz? Ein gemeinsamer Austausch über die Rolle nach Kanada entwichener Mütter bei einem Campus-Seminar in Neuengland?

Eine Anspielung auf ein Drittes Werk / Ereignis, das ich nicht kenne?

Geheimnisvoll.

Filme mit Musik von Philip Glass finde ich gut. Und den erst recht, mit wunderbaren Darstellerinnen (die Nase! Besser können SFX nixht mehr werden) und einem wie immer tollen Ed Harris. Am Ende hat man das Gefühl, einen tollen Film gesehen zu haben, über den man, schließlich geht es um Tod, Liebe, Kunst und Familie, dringend genauer nachdenken sollte, aber man ist zu müde.

Gestern morgen habe ich leider gezappt, statt einfach nur das schöne Frühstück zu genießen - man hätte damit ja auch auf den Balkon gehen können. Aber nein: "Schillerstraße". Ich habe ich mich kurz erinnnert, eine gruselige Ankündigung gelesen zu haben, Sat1 gehe demnächst mit einem völlig neuen Comedy-Format auf Sendung. Mehrere "namhafte Comedians" sollten da unter Führung von Cordula Stratmann in einer festgelegten Situation auf Anweisung improvisieren. Die Namen der namhaften Comedians jedenfalls erzeugten namenloses Grauen. Soweit mir bekannt, aber irgendwoher kennt man das Pack ja immer und sei es nur, weil man wegen einer verspäteten "Seinfeld"-Folge den Rest des "Quatsch-Comedy-Clubs" ertragen musste (Quatsch hat meines Wissens pejorativen Charakter, ist das also Selbstreflexion). Und nun das: Georg Uecker gibt anwesenden Improvisationsnieten a.k.a. Comedians Befehle wie:"Flirte auf sächsisch" und "Begehre den Barhocker" oder "Sag: Gerhard Schröder ist ein Außerirdischer". Sollte je eine Chance bestanden haben, dieses Format zu retten, dann doch wohl mit dem Nachempfinden bekannter Situationen, peinlich, pikant, wie auch immer. Anweisungen allerdings, die an sich schon schenkelkopfend herausgeprustet werden, sollten sogar von Spaßbremsen wie Martin Schneider und Annette Frier verweigert werden von wegen Restwürde. Und dann trat auch noch der spontanste Spaßvogel der deutschen Humorszene auf: Helmut Zerlett. Positiver Nebeneffekt: Bin vorerst von allen Neugieranfällen bzgl. Comedy geheilt. Sorge: Auch "Anke Late Night" hat als Therapeutikum nur ein paar Monate gehalten.

Kürzlich "The Meaning of Life" auf DVD gekauft, hatte ich tatsächlich noch nie auf Englisch gesehen. Ausführlich in das schöne Bonusmaterial und kurz in den Film hineingeschaut. Dabei endlich den Namen des ko- und platzenden Mannes verstanden: Mr Creosote. Bestimmt ein sprechender Name. Nachgeschlagen. Bedeutet: Kreosot. ??? Erster Link bei Google brachte folgenden Text: "Durch Destillation von Buchenholzteer gewonnene, klare, schwach gelbliche, ölige Flüssigkeit. Chemisch ein Gemisch aus Guajakol, Kreosol und Cresolen. Früher innerlich als Antiseptikum bei Lungentuberkulose angewendet. In der Homöopathie mit verschiedenen Indikationen genutzt." Ach so. Musste an die deutsche - gelungene - Synchronisation denken. "Es ist nur 'auch-'auchdühn." Heute wieder daran gedacht. Warum stellt jemand solches Toilettenpapier her?

Der Anfang von St. Elmo's Fire ist wirklich eine Gemeinheit. Ist aber auch auf eine perverse, etwas vermoderte Weise verfuehrerisch. Ist es wirklich moeglich, alles Ekelhafte der 80er Jahre in einen Film zu packen. Ein Film, dessen einzige Existenzberechtigung zu sein scheint, Footloose wie ein Meisterwerk aussehen zu lassen. Fast bewundernswert wie Joel Schumacher noch aus jedem Stoff reinstes Gift zu pressen vermag. Ich bin ehrlich gespannt, wie es nach diesen ersten hoellischen Minuten weitergeht.

Eben auf DVD gesehen, nachdem ich schon seit Wochen in der DVD-Ausleihe dran vorbeigelaufen bin und mich nicht selten für weit schlechtere Ware entschieden hatte. Auch heute hatte ich schon "Paycheck" in der Hand, weil ich dachte: Ach mach dir nen launigen Abend mit ein Woo-Action-Knaller. Außerdem wollte ich ihm noch ne Chance geben, nachdem ich vor ein paar Tagen von "The Thief" so gelangweilt war, dass ich abgeschaltet habe. Dann nahm ich - das passt - lieber doch "The Good Thief" von Neil Jordan, mit dem ich wechselhafte Erlebnisse verbinde.
Aber mein Gott, das hat mit wirklich gefallen. Nick Nolte, brillant, lässig, schnoddrig, gefährdet, souverän wie immer, in einem traumhaft schimmernden Nizza, umgeben von schönen Halbweltgestalten, dabei, einen großen Casino-Überfall zu planen. Und durchzuführen. Ein wahres caper movie: die Vorgeschichte, die Zusammenstellung des teams, der Verrat, die Dame, der Polizist, die Volten am Ende.
Schöner als Soderberghs Versuch, wenn man mich fragt, gelassener, lässiger, und spannender (wobei der Film allerdings so laid back ist, das Spannung eigentlich nur angespielt, dreimal um den Finger gewirbelt und dann wieder zur Seite gelegt wird).
Die beiden Filme stehen zueinander wie ihre Schauplätze: Las Vegas und Monte Carlo. Und da bin ich natürlich immer für Monte Carlo, aber das ist Geschmackssache.
Und dann noch ein wunderbarer Soundtrack.
Übrigens das Remake eines Melville-Films: Bob le flambeur. Da wären wir wieder bei Melville.
Geht mir weg mit dem Woo.

Ein Woody-Allen-Film, also reden wir über Woody Allen. Ein Woody-Allen-Film, in dem erfreulicher Weise alles ist, wie man es sich wünscht. Wie in den "guten alten" Filmen: New York, aufgeregte, schnelle Gespräche über die Zumutungen des Lebens, Angst vor dem Tod, der Liebe, wunderbare Gags, Psychiater, Schreiber, hysterische Frauen, Leidenschaft, Verzweiflung, Jazz, Jogger im Central Park...
Man fühlt sich sofort wohl in diesem Film, auf den ich schon lange gewartet habe. Wie in einem alten Cordjakett. Mit Lederflicken, versteht sich.

Nur eines ist nicht wie immer: Woody Allen. Seine übliche Rolle lässt er mal wieder spielen, diesmal von Jason Biggs, lustig schon in American Pie. Er selbst spielt eine andere, eine neue Figur, die der alten sehr ähnelt, aber in wichtigen Nuancen abweicht: Ein gealterter Gagschreiber, Ironiker, aber vor allem: Kein Verwirrter, kein Suchender, sondern einer mit einem festgefügten, zu Beginn etwas hysterisch erscheinenden Weltbild. Er stellt keine Fragen, er doziert. Seine Obsession: Selbstverteidigung, Schutz vor ihn umgebenden Feinden.

Leon de Winter hat in der aktuellen Cicero ("die" Cicero? Naja) einen Text darüber geschrieben, was es bedeutet, einen Feind zu haben. Einen Feind zu haben, bedeutet, dass es jemanden gibt, der dich töten will, egal, aus welchem Grund. Und du weißt es - da draußen ist jemand, der dich hasst, der dich töten will, und du kannst daran nichts ändern, du kannst nur damit leben, dich darauf einrichten.
Das ist, schreibt er, eine Erfahrung, mit der die Juden, er ist Jude, seit Jahrtausenden leben. Sie haben einen Feind, und sie wissen, dass sie es sich nicht einbilden, denn sie haben erlebt, was es bedeutet, wenn sie in seine Hände fallen.
Diese Erfahrung, schreibt er, macht nun die ganze westliche Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit dem islamistischen Terrorismus. Er ist da radikal. Man solle sich nichts vor machen, ob man es möchte oder nicht, wir haben Feinde, die uns töten wollen. Dem mag man folgen oder nicht, die Überlegung, der Bewusstseinsunterschied ist es, der mir hier wichtig erscheint.
Wir, hier, heute leben seit Ende des kalten Krieges in einer Welt, in der wir keinen Feind zu haben glauben. Und selbst davor, in den Achtzigern, fühlte ich mich von der Bedrohung nicht wirklich gemeint, ich dachte: Der Feind der Sowjets bin nicht ich, es sind die Rechten, die uns regieren, ich werde nur bei dem Krieg, den sie anzetteln, mitdraufgehen. Ich habe nie geglaubt, dass der Russe mir persönlich ans Leder will, im Gegenteil.

In Woody Allens "Anything else" wird genau das verhandelt: der eine, der junge, Falk, glaubt in einer Welt ohne Feinde zu leben, in einer grudsätzlich heilen Welt, in der nur er irre ist. Die, die ihm zusetzen, verteidigt er. Der andere, der alte, Dobel, sieht sich von Feinden umzingelt.
Doch seine Ängste, seine Paranoia, die überall den Holocaust an der Wand entlang huschen sieht, ist nicht die übliche Allen'sche Paranoia, die Angst vor Krebs, vor Impotenz, Versagen. Denn Dobel ist eben nicht die übliche Allen'sche Figur, sie ist ein ironischer Pragmatiker mit tiefschwarzem, aber klarem Weltbild. Grotesk und tragisch ist seine Reaktion, nicht die Analyse. Er ist tatsächlich von Gewalt und Antisemitismus umgeben, und er zieht - sehr unallenhaft - die Konsequenz, sich zu wehren, nicht die, zu leugnen.
Dobel hat erkannt, dass es Menschen gibt, die ihm ans Leder wollen, und er tut, was er kann und schlägt ihnen die Windschutzscheibe ein, wenn sie ihn demütigen. Er ist ein Mann, der die Erfahrung dessen, was passiert, wenn man nichts tut mit sich herumzutragen scheint - nicht umsonst spricht er im Film einmal über die "Juden für Hitler", die sich arrangieren wollen. Sein Reflex, in der zivilisierten Welt, im modernen New York, stets ein "Survival Kit" bei sich tragen zu wollen, stets ein Gewehr in Griffweite, verliert bei der Projektion auf den Holocaust schlagartig an Skurrilität.
Die Szene, in der ihm von zwei fetten aggressiven Germanen eine Parklücke gestohlen wird und sie ihn ungeniert mit Prügel bedrohen und verscheuchen, ist ein Schlüssel: Genau das erwartet er von ihnen, und ist nicht bereit, es als Ausnahme, die nicht zählt, durchgehen zu lassen. Er wehret den Anfängen, kehrt zurück und rächt sich an dem Wagen. Eine in ihrer Ironiefreiheit, Pointenlosigkeit untypische Szene, die die direkte, dumme Brutalität des "Feindes" vermittelt - und die Nutzlosigkeit von Falks Vorschlag, sich damit zu trösten, man habe doch den besseren Verstand und könne eine böse Satire auf den Vorfall schreiben. Dobel zieht lieber den Schraubenschlüssel.
Diese toternste Szene zeigt, dass Dobel nicht spinnt. Er ist die Stimme der Vernunft, auch sonst schätzt er ja die Situation, in der Falk lebt, durchaus richtig ein.
Man könnte nun sagen, der Film spielt in New York, und auch hier ist am 9.11. eine Bedrohung, eine Feindschaft plötzlich Realität geworden. Die Bushadministration tut ja alles, um die US-Bürger stets daran zu erinnern, dass Menschen auf der anderen Seite der Welt sie angeblich zum Feind auserkoren haben.
Der liberale Allen als Prediger des Heimatschutzes gegen die Gefahr des islamistischen Terrors? Man will es nicht glauben. Zu recht.
Bleibt man beim Film, bietet Allen eine Alternative an: Bring deine Feinde nicht um (wie der rasende Dobel es am Ende tut), sondern erkenne sie - und gehe einfach weg.
Denn natürlich sind die Feinde Falks nicht die Neonazis, die den aus der Kindergeneration der Holocaust stammenden Dobel wahnsinnig machen - die Feinde des modernen Menschen sind jene, die ihn daran hindern, sein Leben zu leben.
Doch, so kriegen wir Allen noch von George W. Bush weg. Für ihn ist der Wunsch, sich mit der Waffe in der Hand gegen den Feind zu wehren, nicht albern, nur altmodisch, überkommen.
Er schlägt vor, den "Feind" an einer anderen Stelle zu suchen: Nicht im mittleren Osten, sondern zuhause. Ihn dort zu erkennen, ist weit schmerzlicher, ihm zu begegnen, ihn zu verlassen möglicherweise weit mutiger. In den Bildern des Films gesprochen: Es braucht mehr Mumm, eine Frau zu verlassen, die man liebt, als einen Mann zu erschießen, den man hasst.

Gefreut habe ich mich über die kleine Anspielung auf Bunuel. Als Falk und Amanda das Kino verlassen sagt ein anderer Kinogänger "Ich verstehe nicht, warum sie nach dem Essen nicht einfach weggegangen sind." Sie waren im "Würgeengel", in dem sich eine ganze Abendgesellschaft in einer ähnlich stangnierenden Situation befindet wie Falk. Bloß, dass es für sie kein Entrinnen gibt, während Falk den Ausbruch schafft.

Das ist in etwa die Essenz von "Der schönste Tag in meinem Leben". Und wenn das doof und uninteressant klingt, dann gegen meinen Willen. Denn vielmehr ist es so: Zauberhaft schwebend klingt das Thema Alter und Jugend, gelebtes, vergeudetes und noch zu erlebendes Leben an und findet einen überzeugenden Kristallisationspunkt: ein Kind mit einer Videokamera. Das klingt wieder blöd. Unschuld, Wahrheit oder nicht, Möglichkeit zu modisch-verwackelten Bildern. Unfähigkeit zur nicht medial vermittelten Weltwahrnehmung könnte auch dahinterstecken, aber nix da. Das Kind filmt seine Familie am Tag seiner Erstkommunion und damit ist dann auch Schluss. Erinnerung ist das Ziel, denn die Familie wird auseinander brechen - nicht völlig, aber doch nicht unbedeutend. Und das wird keine Katastrophe sein, denn es ist das Ergebnis von Einsicht. Erinnerung also, die das Fundament der Zukunft ist, aber nicht als Trauma und Schuldverstrickung, sondern als Akzeptieren der Realität.
Meistens haben Familiendramen zwei mögliche Richtungen. Entweder unter der heilen Oberfläche lauert das Grauen, das dann mehr oder weniger genüsslich ans Tageslicht gezerrt wird oder die Familie ist schon am Anfang am Ende und muss in einem schmerzlichen Prozess lernen, wieder zueinander zu finden. Wie schön mit "Der schönste Tag in meinem Leben" eine Abwechslung zu finden. Selten habe ich einen Familienfilm gesehen, der so gelassen den diversen Dramen seiner Protagonisten folgt, in keine Richtung zu drücken scheint und doch so straff inszeniert ist. Der Film will schon was. Ich glaube, das hier: Wer sich nicht der Liebe hingibt, auch und wesentlich der körperlichen, der macht was falsch. Wer anderen vorschreibt, wie sie zu leben haben, handelt Unrecht und hat meistens allen Grund, sich an die eigene Nase zu fassen. Jede Lebenslüge fliegt irgendwann auf und dann kann es erstmal richtig peinlich werden. So ungefähr. Wie sich das entwickelt, ohne kitschig zu sein, ist bemerkenswert. Und der Film hat eine tolle Sexszene. Sehr körperlich und warm. Mit einer berauschenden Lust an der Berührung.

Spaß. Purer Spaß. Ein Film, von dem man nicht allzuviel erwartet, dem man nicht viel übel nehmen würde, und der doch jede Menge gibt.
Linkalter macht es gut, das war klar, aber er bleibt in der Regie unauffällig.
Es geht um Jack Black und die anderen Kinder, denen er als "Mr. Schneebly" Rock'n'Roll beibringt. Vor allem um Black. Der Film ist kein Starvehikel, denn Black ist kein Star. Er ist ein Blackvehikel.
Kaum eine Einstellung ohne den gesegneten egomanen Clown, und das ist gut so, solange man den Mann mag. Ich mag ihn.

Die Geschichte Kolportage: Ein dicker Looser, dessen Leben Musik ist, schmuggelt sich unter anderem Namen an eine furzkonservative Grundschule und verwandelt seine Klasse in eine begeisterte Rockband, wobei er die bisher unter der Schulpflicht verschütteten Potentiale (Selbstbewusstsein, Kreativität) der Kids zum Leben erweckt.
Die Geschichte ist schlicht, das Drehbuch weiß es und versucht garnicht erst, den Film auf der Spannung der Story aufzubauen - sie begleitet nur das famose Spiel von Black und seinen Schülern, die fast jede Szene zum kleinen Perlchen werden lassen.

Wunderbar: Eine Sequenz, in der Black mit den Kindern, denen er Instrumente zugeteilt hat, Rocker-Posen einübt. Wer dabei an die Mini-Playback-Show denkt ist ein Schuft, denn das hat zuviel Wahrheit: Von der Tradition des Rock, von seiner immer noch aus dem Kanon gedrückten Kultur, von seiner Bedeutung für die Menschen.

Und von dem irren Spaß, der in ihm liegt. Darauf reduziert der Film die Wirkung der Musik, das revolutionäre, antiautoritäre Potenzial wird zwar auch als Unterrichtseinheit vermittelt, aber in der Story nicht wirklich realisiert: Es kommt zum Happy End, die Väter werden nicht umgebracht, sondern begeistert. Aber es ist ja auch ein Kinderfilm.

Gerade folgende kaum zu überschätzende Leihgabe bekommen: Monty Python's Flying Circus komplett auf DVD (Scott of the Sahara, Scott of the Sahara, Scott of the Sahara). Das gibt's ja gar nicht. Wie soll das den weitergehen, wenn in wenigen Tagen die zweite Staffel "The West Wing" eintrifft, die ihrerseits die bereits vorhandene dritte aktiviert und die Zeit sich nicht auf wundersame Weise vermehrt (Ausserdem womoeglich mit baehr beide Staffeln 24 gucken. Wer plant, verliert. Wahrscheinlich einfach geschehen lassen.) Und die zweite Staffel "Mad About You" schreit auch schon: "Guck mich! Guck mich!" Und wer möchte schon gerne mit Pech übergossen werden. Und das Kino verlangt auch, dass man sich ihm mit aller gebotenen Sorgfalt widmet. Old Boy, Girls Club (!), In deinen Händen, Dänische Delikatessen, The Village (ist da am Ende was dran? Ich mag's kaum glauben, "Signs" war so ein gähnend langweiliger Quatsch, aber jetzt mahnen sogar ernstzunehmende Stimmen zur Geduld), Hab ich was vergessen? "Riddick"? "Pitch Black" war ja ganz gut. Oder sogar "Sommersturm"? Der Trailer war aber abscheulich. Andererseits: Scheiß auf den Trailer. Mal sehen, ob das Wochenende vier Filme hergibt.

Six Degrees of Separation (to Kevin Bacon) heißt das Spiel. Ich weiß wieder warum. Habe es wahrscheinlich immer gewusst. Habe mir gerade erneut (ich weiß, dass ich ein Triebtäter bin) „Bad Santa“ angeguckt und fühle mich in einer Szene stark an „Diner“ erinnert. Ebenfalls ein großartiger Film – einer meiner liebsten, das Popcorn! – , wenn auch etwas anders gelagert. Jedenfalls: in beiden Filmen wird ein Krippenarrangemant von einer unzufriedenen alkoholisierten Person stark und nachhaltig beschädigt. Ich dachte beim erneuten Sehen und beim Heranreifen der schlauen Erkenntnis: das sind ja nur zwei Schritte. Billy Bob Thornton ist in „Bad Santa“ der Stachel im Fleisch des harmonischen Arrangemants. Er spielt aber auch in Barry Levinsons „Bandits“ mit, in dem Cate Blanchett eine sensationelle, die rhythmische Zubereitung von Speisen verherrlichende Mitsing- und Tanzszene hat. Schließlich ist Barry Levinson der Regisseur von „Diner“. Und dort ruiniert – statt routiniert TV-Quizfragen zu lösen – kein anderer als Kevin Bacon die Krippe. Ihr Kritiker dieses Spiels mit KB im Mittelpunkt: Gebt es auf. KB gewinnt immer.

Wenn ich einen Film noch nicht gesehen habe, aber schon mehr als die Hälfte der Zeit, die dieser Film dauert, damit verbracht habe, etwas über ihn zu lesen, und ihn mir dann nicht anschaue, fühle ich mich zwei Wochen später irgendwie leer. Erkenne ihn aber beim ersten Hinschauen, wenn er Jahre später im Fernsehen läuft.

Also werde ich mir "Der Untergang" und "The Village" wohl anschauen.

Wenn das stimmt, dann ist es eine Katastrophe.
Und ein Grund, warum man vielleicht gar keine große Kunst machen sollte: Man lädt sich zuviel Verantwortung auf die Schultern.
Katja Nicodemus verreißt in der Zeit die „Heimat 3“. Vehement. Enttäuschend sei sie. Peinlich. „Dallas“ wird erwähnt, „Die Guldenburgs“. Keine „politische Überformung des Privaten“ mehr, sondern „Mythisierung des Trivialen“. Zu nah an Herrmännsche und Clarissa, zu viele Soap-Geschichten wie Krebs, Selbstmord, etc.
Eine Katastrophe, wenn das stimmt, und leider ist dem Urteil von Frau Nicodemus eigentlich zu trauen. Und ihre Unterstellung, die Neunziger seien eine Zeit, mit der Reitz einfach nichts mehr zu tun habe und dass daher in seinem Film nur vergangenes Lebensgefühl, nicht mehr das der handlungsrelevanten Jahrzehnte gezeigt werde, sehr nahe liegend.
Und: Der Osten nur als Kulisse, als Fußnote, als Pappkamerad in der eigentlich westdeutschen Erzählwelt des Films – was hat denn Thomas Brussig gemacht?
Das kann ja wohl nicht stimmen. Ich bin ernsthaft besorgt.
Zuviel - oder das Falsche – verlangt Frau Nicodemus wohl, wenn sie das Fehlen von Techno und Loveparade bemängelt. Reitz bleibt ja bei seinen alten Figuren, die eben in den 50ern Jung waren, nicht in den Neunzigern. Da kennt er sich aus, und wir thirtysomethings können von dem Mann wohl nicht verlangen, das er jetzt unsere Jugend nacherzählt.
Das müssen wir selber. (->erzählen lernen)
Aber trotzdem. Gerade die „Zweite Heimat“ bedeutete so viel, war ein neues Wort, einer der großen Einzelfälle in Deutschland, wo das Fernsehgenre „Serie“ zu einer eigenen, guten und natürlichen Form gefunden hatte, wie danach möglicherweise nicht mehr.
Während die Serie als Genre in den USA eine atemberaubende Renaissance erlebte, schien der deutsche Fernsehbetrieb nicht in der Lage, die Spur aufzunehmen – nicht zuletzt sicher, weil die „Zweite Heimat“ den Quotenerfolg der ersten nicht wiederholte.
Für mich, und darum ist sie mir besonders teuer, verbindet sich mit der Serie eines der eindringlichsten Kinoerlebnisse. Es war in Moskau, die Sommerabende waren lang, und das „Dom Kino“, eine Art überdimensioniertes kommunales Kino, zeigte die „Zweite Heimat“ an aufeinanderfolgenden Tagen. Nicht vorher und nicht nachher habe ich mich so dem Deutschen (so im Großen und Ganzen) zugehörig empfunden, wie in den Momenten, in denen ich den Saal verlies und durch die Fenster des Foyers hinaus auf die Dächer und Kuppeln Moskaus schaute. Den Titel, so meine ich, hatte die Serie zu recht. So deutsch die Verhakelungen der Liebe, die Schwärmerei, die Arroganz, die Ambitionen. So bekannt das, wohin man will, und das, wohin es einen führt, und warum es einen dahin führt. Ein fesselndes Mentalitätsbild, das, obwohl in München (wo ich kaum war) und vor meiner Geburt angesiedelt, treffender kaum sein konnte. Und dessen Unterschiedenheit von Anderem umso deutlicher wurde, weil ich ja die Menschen um mich kannte, diese Russen, die in vielem so ähnlich und insgesamt so bezaubernd, aber in vielem auch so völlig unbegreifbar und fremd waren: In ihrem todernsten Pathos, ihrem Klassendünkel (und das nach 70 Jahren Sozialismus!) (oder deswegen!), ihrer Offenheit, ihrem Machismo, ihrer fast gefährlichen Freundschaft.
Da hat mir also das Zusammenwirken dieses so genauen und so emotionalen Filmes und dieser beeindruckenden Stadt ein Gefühl geschenkt, dessen Gegenteil ich damals in Deutschland stets kultiviert hatte (gezwungen, allerdings, durch Helmut Kohl und seine Kohorten – zu denen wollte man nun wirklich nicht gehören): Zugehörigkeit. Wenn das in Deutschland so ist, wenn die Menschen dort so fühlen und handeln, gehöre ich wohl dazu.
Ja, und nun macht Reitz also was über die Wende, die Neunziger, natürlich, da habe ich so einiges erwartet, und auch gedacht: Der Mann hat 24 gelungene Teile rausgedrückt, da scheint er es ja zu können, da ist die Frage gar nicht so sehr, OB es klappt, sondern WIE es klappt...
Und nun, gierig von mir gelesen, die erste Kritik nach der Premiere in Venedig, ein Verriss. Ein totaler. Oh nein, wirklich, das wäre eine Katastrophe.

Nur die Ruhe, sag ich mir.

Für einen Fernsehtipp ist es wohl etwas spät, was? 23 Uhr ARD, Dominik Grafs toller "Hotte im Paradies", allerdings auch um 0:20 Uhr auf Arte. Vielleicht gibt's ja sogar noch eine Wiederholung. Bin zu faul zum Nachsehen.

Kleiner Zufall. Auf der Leinwand - "The Village" - ist ein kleiner Koffer/Kasten zu sehen. Fast quadratisch in der Grundfläche und recht hoch. Mit Lederriemen. Herr Hose flüstert: "Wie in ‚Kiss Me, Deadly'". Ich flüstere zurück: "Habe ich gestern gesehen". Dazu muss man (vielleicht auch nicht) wissen, dass uns eine kurzlebige gemeinsame Mitgliedschaft in einem ebenso kurzlebigen Filmclub eint, von dessen wenigen Diskussionsgegenständen "Rattennest" also "Kiss Me, Deadly" einer war. (Neben u.a. "Die 120 Tage von Sodom" und "Total Recall"). Die anderen fanden den Film einst mittelmäßig bis schlecht, mir gefiel er außerordentlich. Das hat sich nun ganz und gar nicht geändert. Im Gegenteil. Der Film hat sich bis heute eine rüde Direktheit bewahrt, die ihresgleichen sucht. Und das liegt vor allem an seinem Erzählmodus weniger an seinem Inhalt, der sicher mal noch erheblich brisanter erschien als heute.
Es fängt mit einer verängstigten Frau an, was schon mal grundsätzlich ein klasse Filmstart ist. Diese Frau befindet sich auf einer nächtlichen Landstraße, bekleidet mit (nix als?) einem kurzen Mantel, und versucht, ein Auto anzuhalten, aber kein Fahrer reagiert. Also stellt sie sich mitten auf die Straße, ein offener Sportwagen (Kenner wollen jetzt die Marke, Baujahr etc., aber ich kenn mich halt nicht aus) bremst hart und kommt seitlich von der Straße ab. In diesem Auto sitzt Mike Hammer, der keinen Hehl daraus macht, dass er nur für einen Daumen nicht angehalten hätte, der die Frau aber gleichwohl mitnimmt. Nun rollen die Titel von oben nach unten über die Autofahrt, also verkehrt herum. Das irritiert. Noch mehr irritiert, dass dieser Vorspann neben Fahrgeräuschen lediglich mit dem Schluchzen der Frau unterlegt ist, das irgendwann fast wie ein irres Lachen klingt. Dann Gespräch der beiden, die Handlung wird vorbereitet, er hilft ihr bei einer Straßensperre widerwillig. Er soll sie an einer Bushaltestelle absetzen, von da käme sie alleine weiter. Für den Fall allerdings, dass sie es nicht bis zur Haltestelle schaffen sollten, sagt sie ihm:"Remember Me!" Wieso sollten sie es nicht schaffen, fragt er, sie seien doch gleich da, als der Wahnsinn auch schon los geht. Nun besteht die Gefahr, den ganzen Film nachzuerzählen. Die ist aber hiermit gebannt. "Kiss Me, Deadly", der seinen von dem eigentlich fast milchbubihaft weich aussehenden Ralph Meeker gespielten Helden Mike Hammer diverse Küsse mit bemerkenswerter Gleichgültigkeit hinter sich bringen lässt, zeigt eine fürchterliche Welt. Töten und sein Gegenstück Sterben lassen hier jede Eleganz vermissen. Sie sind auch mehr als funktionale Erzählelemente. Sterben tut weh, sieht eklig aus, dauert lange. Mehr als einmal musste ich an "Torn Curtain" denken. Es gibt keine geschliffenen Wortgefechte zwischen Detektiv und Bösewicht. Die Gemeinheit ist direkt und überall, auch ein bisschen in Mike Hammer. (Man bedenke: Wäre er ein noch unsympathischerer und vor allem gleichgültigerer Typ gewesen, als er so schon ist, hätte er also die Frau gar nicht mitgenommen, er hätte weiterhin ohne große Reibung in diese verkommene Welt gepasst). Alle schnauzen sich, wo es geht, gegenseitig an und die gutmütigen oder gut gelaunten Figuren überleben selten. Das furiose Finale - inhaltlich etwas gealtert, von der Darstellung her allerdings gewaltig - hat mindestens Tarantino und Lynch inspiriert (der Koffer aus dem es strahlt/Pulp Fiction und die brennende Hütte/Lost Highway).
Und gibt es eine psychologische Erklärung dafür, dass es mich so berührt hat, erst einen Mann eine lange Treppe von der Kamera weg hinunter laufen und im Gegenschuss eine Frau die gleiche Treppe herunter kommen zu sehen?

Das war also "The Village". Ich hab's geahnt. Es ist nicht immer von Vorteil, Kritiken zu lesen. Vielleicht hätte es geholfen, sich die Mühe zu machen, nachzuschauen, was jeweils die gleichen Autoren damals über "Signs" geschrieben haben. Hätten sie damals auch nicht von nervenzerrender Zähigkeit berichtet, oder vergleichbares durch die Blume gesagt, ich hätte gewusst: dieses erneute Lob wird meine Zustimmung erneut nicht gewinnen. Mein Sitznachbar, Herr Hose, sprach von Menschen, die "The Village" für den gruseligsten Film hielten, den sie je gesehen hatten. Selbst erfahren im undifferenzierten Umsichwerfen mit Superlativen war mir natürlich klar, dass man das etwas kühler essen muss, aber eiskalt? Gruselig war's nämlich nicht bzw. sehr selten. Spannend: auch Fehlanzeige.
Also: Da wohnen Menschen in einem Dorf, das von Wald umgeben ist. Irgendwo dahinter ist "die Stadt". Es gibt Dorfbewohner, die mal da waren. Damals. Jetzt geht keiner mehr in den Wald, denn da sind "die Unaussprechlichen", rotgewandete igelartige Wurzelmonster, mit denen es einen Waffenstillstand gibt. Wir gehen nicht in den Wald, ihr kommt nicht ins Dorf. Man darf nicht in den Wald. Die Ältestenversammlung stellt noch einmal fest: Man darf nicht in den Wald. Ein Geisteskranker geht in den Wald, aber nur vornean. Das durfte er nicht. Auch die Kinder dürfen nicht in den Wald. Ebenso nicht die jungen Männer. Thema der ersten Stunde: Wald und hineingehen schließt sich aus. Das ist unfair beschrieben. Natürlich gibt es noch mehr: Die archaisch anmutende Dorfgemeinschaft mit ihrem steifen floskelhaften Rededuktus. Da wird offenbar außer Sex noch einiges mehr verdrängt, denn, wie es schon die "Unaussprechlichen vermuten lassen, gibt es Redetabus. Von Ferne grüßen die Amisch herüber. Des weiteren: Die dräuende Musik. Die dem Horrorfilm abgeguckte spannungssteigernde Methode, Figuren isoliert im Bild zu zeigen, so dass jederzeit das Monster überraschend ins Bild platzen kann. Oder ist es andersrum? Dies ist ein Horrorfilm, der sich um jeden Preis veredeln möchte mit Be- und Andeutung? Es ist mir eigentlich völlig egal, denn dieser Mix streitet mit "Catwoman" um den langweiligsten Film des Jahres. Mist. Superlativ.
Wenn es gegen Ende doch noch mal interessant wird, dann macht das nur den ersten Teil des Films noch deprimierender. Hier kann man, ohne was zu verraten, allerdings nicht ernsthaft drauf einsteigen, also vielleicht später.
Um Einwänden zuvorzukommen: Schauspieler ok, Bryce Dallas Howard sehr gut, Kamera, soll heißen Licht und Farbe: schon nicht schlecht. Die Technik, eine Farbe völlig aus der Palette zu entfernen, hat Roger Deakins ja schon in "O Brother, Where Art Thou?" kompetent eingesetzt. Hier fehlt Rot.


Übrigens ... wie kann ein Dorf mitten im Wald autark sein?
(Hab' ich am Ende die Erklärung verschlafen? Habe ich geschlafen? Herr Hose?)

bild 2

Nach den ersten vier Folgen von „24“, erste Staffel, freue ich mich auf die zweiten vier Folgen, die schon hechelnd an meinem Bein hoch springen. Ich tätschele sie und vertröste sie auf den Abend, schließlich gibt es Arbeit zu tun.
Was wäre eigentlich, wenn James T. Kirk einen Anruf von Starfleet Command kriegen würde (verschlüsselt, na klar), in dem ihm mitgeteilt wird, dass eine Verschwörung läuft (um den Chef der Föderation zu ermorden), und jemand aus seiner Truppe dahintersteckt?

kieferkirk

Ja, dann hätte man ungefähr das, was 24 zeigt: Irgendwie erinnert Kiefer Sutherland in seiner ihm fremd gewordenen Kommandozentrale sehr an einen Kirk, der vermutet, das Chekov ein Spion der Klingonen ist, und nur noch Spock und Uhura vertrauen kann und mit ihnen tuschelt. Und der seinen Transmitter nicht mehr benutzen mag (oder wie hießen die Dinger). Über den also, nach einer Periode fröhlichen imperialen Sammelns, das Zeitalter des Terrorismus hereingebrochen ist.
Und auch ansonsten sind sie sich irgendwie ähnlich: Bauer (Sutherland) zwar der etwas radikalere Charakter, aber ansonsten beide immer aufgelegt, für das unbestechlich empfundene Staatstragende / Föderationsnützliche die Befehle der höheren Kommandoebene zu missachten und Schimanskimäßig auf Warp zu gehen.

Die Dramaturgie von 24 – bis zu diesem Punkt – ist eine des stetigen Verhinderns. Scharfe Konflikte werden aufgebaut, jemand (meist Kiefer) macht sich auf, die zu lösen, kommt aber gar nicht in die Nähe seines Ziels, weil er schon wieder unterbrochen, in eine andere Handlungsschleife gezerrt wird, um dort wieder unterbrochen zu werden. Und das – so jedenfalls mein Eindruck bis hier – ist eines der Mittel, aus denen die bezwingende Atemlosigkeit der Serie sich speist.
Sehr spannend, so far.
Und die Geschichte mit dem gequälten Mädchen – da mochte ich mal wieder am liebsten vorspulen. War aber tapfer.

Heute die Folgen 5-8.
Doch, das fängt an Spaß zu machen. Ich bin nicht wirklich erschlagen von der Sache, aber doch doch...

Man muss der ganzen Sache beinahe schon zugute halten, dass sie sich, abgesehen von dem 24 h-Gimmick, ohne den es letztlich auch gegangen wäre, nicht bemüht, wie eine der neuen Erfolgsserien (HBO et.al.) rüberzukommen - niemand fängt an zu singen, geht zum Psychiater, lässt andere mit Blicken zu Staub verbrennen oder hat ulkige Neurosen. Das ist natürlich alles nicht übel und häufig brillant, aber "MONK" zeigt bei aller Unterhaltsamkeit auch, wie diese Ideen zur Attitüde werden können, die über Konventionalität hinwegtäuscht. Hier also nur der 24 h - Tickticktick, und der ist nett. Ansonsten ist es erfreulich solide gemacht - und die Geschichte ist tatsächlich so schön druchgebastelt, dass auch das schon wieder nett zu beobachten ist, ohne dass der Spin zu weit gedreht wird.

Was ich mich Frage: wenn Jamie, die Computermieze, der Maulwurf ist, warum hat sie nicht die Keycard, die kurz davor stand, geknackt zu werden, ausgewechselt, warum ging der Erpresser das Risiko ein, Bauer zurück in seine Zentrale zu schicken...will mir nicht so recht einleuchten. Klärt sich ja möglicherweise noch auf, aber ich glaube nicht so recht daran...
Abwarten.
Kiefer macht seine Sache gut. Xander Berkley, den ich hier Putinesk finde ebenfalls, wird aber nachdem klar ist, dass weder er noch der immer verdächtig rüberguckende Exlover Tony die Verräter sind, wenig gezeigt. Klar - für's Erste klar? Die ganzen Geschehnisse umd die entführte Tochter sind insgesamt überflüssig, aber mit irgendwas muss man die Zeit ja voll kriegen. Wie ja auch die Abende auf der Couch.

7kd3

(nach Sichtung von "to catch a thief")

Am selben Tag "Vater und Sohn" von Sokurov und vier weitere Folgen von "24" (jetzt fehlen noch vier). Wenig überraschend: unterschiedlicher geht's kaum. Sokurov, wie immer, faszinierendes, elegisches, langsames, ästhetisiertes Kunstkino, 24 - packende und im Tempo verdichtete Variation bekannter Themen. Und doch haben sie eine verblüffende Gemeinsamkeit: Bei beiden geht es zentral um einen Soldaten, der auf einen geheimen Kommandoauftrag geschickt wurde, der scheiterte. Der eine - Jack Bauer, wird zeitweilig verdächtigt, deshalb den zukünftigen Präsidenten umbringen zu wollen, der damals den Befehl gab. Von dem anderen - dem namenlosen, verschollenen Freund des Vaters - erzählt man sich genau dasselbe. In zwei Sätzen nur scheint dieses Thema in Sokurovs sonst so verkunstetem, aller Konkretisierung absichtsvoll enthobenem Ballett auf. Ein Einbruch der Realität in die Kunstwelt, die er sorgsam aus St. Petersburg und Lissabon zusammengehäkelt hat. Der ahnen lässt, was eigentlich der Abgrund ist, über dem die Männer den ganzen Film lang so selbstverständlich-erschreckend hinwegtanzen.
In beiden Filmen ist dieses Thema natürlich hochspekulativ, entbehrt aber trotzdem nicht einer gewissen Erdung. Denn es zeigt, dass sowohl die USA von heute als auch das heutige Russland mehr denn je tief vom Millitarismus geprägte Gesellschaften sind, in denen diese Stories, die uns im braven Deutschland ähnlich kolportiert wie Science-Fiction-Szenarien erscheinen, tatsächlich möglich sind. Staaten, die sich im Krieg befinden, und das mit Unterbrechungen seit Jahren. Eine andere Parallele untermauert das: Der Sohn, Alexej, ist auf der Millitärakademie - "warum?" wird er gefragt. "Familientradition" ist seine Antwort. Eine Antwort, die an die Mutter aus Fahrenheit 9/11 erinnert, die von ebendieser Tradition in ihrer Familie erzählt, und dass die Fortführung der Tradition die einzige Chance der Kinder auf einen Weg aus dem Elend ist.
In den USA und in Russland kann es den Kids, die im Kino sind, tatsächlich passieren, dass sie eines Tages auf Einsätze geschickt werden, von denen sie vielleicht nicht zurückkehren oder deren psychologische Folgen sie so verändern, wie sie es mit Jack Bauer oder dem Freund des Vaters gemacht haben - beide kehrten so verändert zurück, dass sie ihre Frauen verließen. Sie werden wohl nicht den Präsidenten umbringen - aber vielleicht drüber nachdenken.
Sie werden sich nicht die Filme Sokurovs ansehen - es gibt genug russische Kriegsstreifen, die den Krieg in Afganistan aufarbeiten oder ausbeuten.
Wir kriegen - leider - wenig aus Russland, aber viel aus Amerika. Wir importieren via Kino und TV einen Großteil unserer Werte aus einem Land im Kriegszustand, dessen Menschen mit ganz anderen Realitäten umgehen müssen als wir.
Das sollte man immer wieder bedenken, wenn man sich mit den Streifen beschäftigt: Hier wird Realität verarbeitet, das ist kein Fantasy-Genre. Realität nicht weniger Menschen (wie im Agentenfilm), sondern ganzer Bevölkerungschichten, die sich mit dem, was sie in gerecht genannten Kriegen erlebt haben - oder noch erleben werden, Bush und Putin sorgen schon dafür - auseinandersetzen müssen. Die dafür einen Anker brauchen. Und diesen Anker brauchen wir nicht. Unsere Filme handeln von Zivis, der Soldat kommt selten vor.

Unsere Filme können nicht über verschüttete Traumata aus Kriegen erzählen, ein gesellschaftliches Thema, das offenbar erzählerisch so produktiv ist. Uns bleibt die Beziehungskomödie, und wir sollten froh darüber sein. Oder unserer Generation bleibt, wie es Freund Lutz in einem gewissen Film sagte, die gemeinsame Erfahrung des Booms und des Downturns, von der wir einst unseren Kindern erzählen können wie unsere Väter vom Krieg.
Das ist belangloser, unmännlicher, von geringerer Tragik, da sind Existenzen gescheitert, aber naja. Keine Stahlgewitter.
Für's Leben sehr gut. Für die Filmkunst vielleicht nicht.

Besonders interessant, irgendwie geheimnisvoll sind Männer, die ihre besten Zeiten hinter sich haben. Die, wie Rabbit bei Updike, früher Basketballstar oder wie „der Schwede“ bei Roth Baseballheld waren, die wie Michael Douglas in „Wonderboys“ oder Richard Fords „Sportreporter“ mal einen ersten erfolgreichen Roman geschrieben haben um dann am zweiten zu scheitern oder die wie Cary Grant in „to catch a thief“ oder eben Nick Nolte in „the good thief“, beide ex-Meisterdiebe zu Nizza waren.

thegoodthiefbig

Sie hatten den Erfolg, den man sich wünscht, und stecken trotzdem im Leben, das man kennt, sie haben aber das Glimmen, das Funkeln noch, die Ahnung des Außergewöhnlichen, des Superhelden haftet ihnen noch an, hebt sie, ohne noch realen Grund, aus der Masse, macht sie begehrens- und beobachtenswert, macht jede ihrer Bewegungen interessant, denn die alte Omnipotenz, deren Abglanz Eleganz ist, könnte wieder aufleben, sich entladen. Man lernt sie oft in unguten Situationen kennen, erfährt nur langsam, wer sie mal waren, erwartet daher doch immer noch mehr von ihnen, obwohl zum System gehört, das niemals mehr kommt. Sie sind einen Schritt weiter bei uns und am Tod als der Blinde Samurai, der versoffene Pistolenheld, deren Kräfte nur verborgen, aber präsent sind.

wonderboys

Sie sind sehr europäisch, könnte man meinen. Sie sind zwar Amerikaner, aber sie sind Europäer im Geiste, Auswandererenkel, der Gesellschaft ironisch, bewusst und durch Leid entrückt.Sie haben ihre beste Zeit hinter sich, ihre Vergangenheit erhebt sie, doch gleichzeitig haben sie das Versprechen, das diese Vergangenheit einmal in sich barg, selbst zerstört, haben ihre Möglichkeiten nie ausgespielt, sie billig weggegeben. Und können nun nicht mehr anders, als als distanzierte Randfiguren dazustehen und das Treiben zu beobachten – und vielleicht noch einmal aktiv werden. Doch immer neben der Zeit, nie direkt zum Ziel, immer etwas neben dem Glück. Die schönsten Frauen kriegen sie natürlich trotzdem. Genau, Bill Murray in „Lost in Translation“ ist auch so einer.

lostintranslation2

Anlässlich der letzten Folge von "24" begann ich, an „Kill Bill“ zu denken. Und begann, in einer speziellen Szene einen untergründigen Kommentar Tarrantinos zu sehen – nein, nicht auf „24“, das wäre wohl zuviel der Ehre, sondern auf eine bestimmte Haltung im US-Action-Kino und dem flankierenden Serientreiben. Wir erinnern uns: In einem Tokyoter Restaurant zermetztelt Uma Thurman die Entourage von „Cottonmouth“ Lucy Liu. In einem stilisierten Ballet vollzieht sich dieser abstrahierte Kampf, der auf irgendetwas Mimetisches gar nicht mehr hinaus will. Diese uneigentliche Tötungsorgie, deren Opfer maskierte, gleichförmig in Smokings gehüllte, und so komplett entindividualisierte Asiaten sind, steht auch in merkbarem Gegensatz zu den anderen tödlichen Kämpfen des Filmes: Alle anderen Gegner der „Black Mamba“ sind sorgsam charakterisiert, haben ihre eigene Geschichte und Gegenwart, ihren eigenen einmaligen Charakter. Der Filmautor erweist ihnen Respekt. Sie sind alles andere als nett (aber das ist die „Black Mamba“ letztlich auch nicht), und trotzdem wäre es einem eigentlich in jedem Fall lieber, sie würden mit dem Leben davonkommen. Das scheint mir eine grundsätzliche Menschlichkeit, die man Tarantino so erstmal ja gar nicht zutraut, in den Film zu bringen: Wenn hier getötet wird, dann mit der gebührenden Aufmerksamkeit und emotionalen Anspannung für beide beteiligten Seiten. Die Identifizierung wird einem nicht leicht gemacht, etwas weh tut es immer. Der schwarzen Killerin, die nun Mutter ist, hätte man ja ihr neues Leben genauso gegönnt wie Black Mamba das ihre. Das Schwertballett im Restaurant entwirft das Gegenbild: Die große Emotionslosigkeit, die im Sieg des letztlich unangreifbaren Helden über noch so viele stereotype Feinde besteht, und die Masken der japanischen Schwertkiller stehen als Synonym für Klischeefressen wie Nazischergen, russische Geheimdienstler, arabische Terroristen oder eben bosnisch-slavische Menschenschlächter. Womit wir bei „24“ sind, der als Vertreter seiner Art hier in Sippenhaft genommen wird. Die Geschichte basiert wirklich sehr stark auf der Frage nach dem Wert des individuellen Lebens, gerade in der letzten Folge zerbricht ganz offen über dieser Frage die Ehe des Präsidentschaftskandidaten Palmer. Er geht, um die entführte Tochter von Jack Bauer (Kiefer Sutherland) zu schützen, ein großes Risiko für seine Kandidatur ein – seine Frau versucht ihn davon abzubringen und nimmt dabei ganz offen den Tod des Mädchens in Kauf. Es geht also um Moral, und da gibt’s kein Pardon, die Frau hat verloren.
Ein Großteil der Spannung der ganzen Serie speist sich die ganze Zeit aus der Angst der Zuschauer um Personen, die entführt, befreit und wieder entführt oder sonst wie in Lebensgefahr sind, beziehungsweise aus dem Mitleiden mit der Person (Bauer) der durch diese Entführung seiner Familie schier zum Wahnsinn getrieben wird. Er speist sich also aus der großen Identifikation mit diesen „einfachen“ Menschen, die in eine Geheimdienstintrige geraten sind. Die Logik der ganzen Handlung bezieht sich aus dem überragenden Wert der Familie des Jack Bauer für ihn und damit für uns. Gleichzeitig fließt rund um diese Kernfamilie herum das Blut in Strömen, da werden Polizisten, Wachpersonal, Schurkenschergen die Menge abgemurkst, als gäbe es kein Morgen. Mit schönen präzisen Schüssen, Puff, sindse tot, schließlich sind die Täter auf beiden Seiten Profis. Da wird nicht, wie nicht zuletzt bei Tarantino und seien Vätern, langsam schreiend verendet – nein, wie zu John Waynes Zeiten: Ein roter Fleck in Herzgegend, das war’s. Das ist letztlich nicht allzu weit entfernt von der die Treppe hinabrollenden MP in „True Lies“, die zahllose Araber erlegt. Natürlich hier alles mit dem gebührenden Ernst, aber während die Serie eine große moralische und emotionale Anstrengung auf die Leben der Starfamilie legt, sind ihr die vielen Schäden am Rand kein einziges Innehalten wert, keinen Kamerablick zurück. Und wie auch, wenn man so viele Opfer in 24 Stunden (abzüglich Werbepausen) unterbringen muss. Und warum auch: Man kennt die Leute ja kaum. Allein die Besetzung des Hauptmonsters „Drazen“ mit Dennis Hopper zeigt, wie wenig Fantasie man auf die Gestaltung schon der Hauptschurken (Vater: Ex-Offizier, Kriegsverbrecher, Soziopath, Sohn 1: Seelenloser Technokrat: Sohn 2: Europäisch-zynischer Gigolo) verwendet hat. Geschenkt, wird man sagen, war doch ne spannende Sache, ist doch nur ne Serie, und ja: spannend war’s, und nein: Wir haben Hinweise, das GERADE in US-Serien deutlich mehr geht.
Man muss die Leute nicht abknallen, als hätte es „The Wild Bunch“ nie gegeben.

Ist eigentlich schon wem aufgefallen, dass die Melodie des Werbejingles "Vogelpark Walsrode" genau die Takte aus dem Lied "Alle Vögel sind schon da" sind, auf die "alle Vögel alle" gesungen wird? Finde ich für eine Radioerkennungsmelodie überraschend hintergründig. Aber das nur nebenbei.

Das ist wirklich ein Albtraum: Alleine, vergessen auf hoher See. Ein Film, bei dem ich schon erschauere, wenn ich nur von der Story höre. Da kommen bestimmt auch Haie, und ja, ein Blick auf das Filmplakat bestätigt: Ja, da kommen auch Haie. Uuuaaah. Herr Hose will mich mitschnacken, aber ganz ehrlich, ich befürchte, das wird nervenaufreibend, und ich leide bei solchen Filmen WIRKLICH, und kann das auch nur begrenzt und in bestimmten Gemütslagen in Vergnügen umsetzen. Ja, ich gehöre zu den Leuten, die als Kinder "Der Weiße Hai" gesehen haben, als er noch eine Sensation war, und die dann im Italienurlaub nie ihre Beine vom Tretboot ins Wasser baumeln lassen mochten. Überhaupt: Stammt die Story nicht letztlich aus dem "Weißen Hai"? Die Geschichte von den Atombombenpiloten, die der Skipper Chief Brody erzählt? Einer der stärksten Momente des Films, eine Schauergeschichte im besten Sinne, erzählt im passenden Ambiente. Klar, "Open Water" basiert auf einer "wahren Geschichte". Aber trotzdem. Ich kenne sie schon seit meiner Kindheit, und ich weiß nicht recht, ob ich mir ihre Dramatisierung wirklich antun soll. Fraglich, ob der Stoff wirklich für die Spielfilmlänge reicht. Mag sein. Aber ich habe sie mir schon so oft in meiner Fantasie ausgemalt...na klar, andere Story, aber das Setting im zweiten Weltkrieg mit der abgestürzten Bomberbesatzung ist eindeutig besser.
Dit solltense man vafilmen. Da würde ich mir dann erst recht in die Hose machen.

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Ergänzung.
Im Deutschlandfunk hörte ich unlängst eine Reportage über Armutsflüchtlinge, die von Afrika nach Europa gelangen wollen.
Darin ein Stück über einen Nigerianer, der sich auf dem Weg ins gelobte Land Europa von einem Schlepper Kilometer vor der Küste Marokkos aussetzen ließ, um in ein Auffanglager der Machart Schily zu gelangen, das die spanischer Regierung auf afrikanischem Boden unterhält. Er schwamm Stunden auf hoher See, ohne auch nur in die Nähe des Ufers zu gelangen, und hatte das Glück, von einem Boot der Küstenwache aufgelesen zu worden sein, als er sich schon aufgegeben hatte. Und er ist nicht der einzige, der das versucht. Die gehen freiwillig in die Situation, die hier als Ausgangspunkt für einen Thriller dient.
Das nenne ich Horror.

Und wieder einmal zahlt sich das Leben im Norden aus: Freund Tobias, der in Kopenhagen Film studierte, erzählt nach dem Kinobesuch, er hätte den Film "Der perfekte Mensch" von Jørgen Leth so 1975 gemeinsam mit Lars von Trier im Rahmen eines Filmgeschichtsseminars gesehen. Und nein, das ist keine Pose in dem Sinne wie der Mann auftritt, der ist so: Schnöselig distanziert, verschmitzt-schwitzig, dabei irgendwie freundlich und amüsant. Und absolut hermetisch. Der hatte so ein Elternhaus, wo jedem Wort, jeder Geste eine Bedeutung, eine Anklage, eine enttäuschende Respektlosigkeit unterstellt wurde. Und so redet er tatsächlich noch heute. Jedes Wort, dass er in diesem Film sagt, scheint er schon vorher im Hirn dreimal umgedreht, bedacht, komplexbeladen, mit Ironie und der vorwegnehmenden Spiegelung der Ironie durchwirkt zu haben. Trier, im schlumpfigen Sweatshirt mit Halstuch, gegenüber: Jørgen Leth, Grandseigneur des modernen dänischen Films, freundlich, offen, blendend aussehend (man stelle sich Nick Nolte vor, das passt). Der Film "Der perfekte Mensch" sagt von Trier einmal, sei der Film, der ihm am nächsten sei. Das überrascht - doch vorab: worum geht es? Trier lädt den bewunderten Leth zu einem Experiment ein: Der soll eben diesen Film "Der perfekte Mensch", gedreht 1967, noch einmal drehen - nein, nicht einmal, fünfmal. Und zwar unter Bedingungen, die Trier diktiert. Ein Spiel. Daher der Titel: Die fünf Hindernisse. Es sind eher Gruppen von Hindernissen. Der Ursprungsfilm ist ein sehr moderner, kalter, beobachtender Film, in der ein Mann (und manchmal eine Frau) in Abendgaderobe bei alltäglichen Tätigkeiten gezeigt werden, in einer absolut leeren, weißen Umgebung - manchmal leicht verfremdet: Der Mann, Claus Nissen, tanzt, ohne Musik. Er isst. Er rasiert sich. Dazu mal Off-Kommentar: "Das ist der perfekte Mensch. Was tut er. Er tanzt. Sehen wir ihm zu, wie er tanzt. Woran denkt er." Trier gibt vor, Leth mit seinen Aufgaben aus der Beobachterposition drängen zu wollen, ihn dazu zu bringen, sein Thema an sich heranzulassen. Die 1. Aufgabe: Drehe den Film neu, in Kuba, mit nur 12 Bildern pro Einstellung, ohne Set. 2. Aufgabe: An einem grauenvollen, erbärmlichen Ort (Leth wählt eine Rotlicht-Straße in Bombay). Etc.
Und, tatsächlich wenig überraschend, wenden sich die normalen Beschränkungen, die Hindernisse ins Positive, Leth dreht interessante neue Varianten. Ein Exkurs über Freiheit und Zwang und ihre Beziehung zur Kunst - überraschende Lösungen entspringen formalen Beschränkungen. Die Idee, Filmen mit einem Regelwerk zu Leibe zu rücken, um sie zu befruchten ist bei Trier nicht neu: nichts anderes tat er in "Idioten", nichts anderes als "Obstructions" sind die Regeln der "Dogma"-Filmer, nichts anderes die Idee: "Drehe einen Film ohne Kulissen" in "Dogville". Glaubt man der kleinen Familienschilderung vom Anfang, so ist der innere Trier von neurotischen Bedeutungs- und Regelsystemen geprägt, die er für die künstlerische Arbeit produktiv gemacht hat. Wenn Kunst des äußeren Zwanges, der Einschränkung bedarf (man denke nur an das Lamento der DDR-Künstler nach der Wende, als sie plötzlich alles direkt sagen konnten, ihre Chiffren also nicht mehr funktionierten, man denke an die produktive künstlerische Energie versteckter Homosexualität), um zu entstehen, und die absolute Freiheit lähmt, so kommt eine verkorkste Innenwelt dem Künstler im gepflegten, fast zwanglosen Westeuropa gerade recht. Man darf also sicher "The Five Obstructions" als Schlüssel zu zumindest einem Schloss des Trier'schen Werkes verstehen.
Ein wunderbarer Film, der, nebenbei, in Dänemark vor allem mit dem Namen des Jørgen Leth vermarktet wird, anderswo natürlich mit dem Namen Trier. Ein Film, der bestätigt, das häufig die kleinen, die Nebenwerke der großen Autorenfilmer (zu den Lars von Trier ihne Zweifel gehört), die schönsten sind (A Straight Story!!). Keine goldene Palme soll hier gewonnen werden, kein großes Wort für's eigene Werk gesprochen, die eigentliche Kunst der Filmemacher wird nicht von Ambition zerquetscht. Diesen Film in seiner formalen Buntheit und Verspieltheit, in seiner gedanklichen Tiefe und humorigen Entspanntheit schaue ich mir sofort nochmal an - "Dogville" nicht, das ist zuviel Arbeit.
Und ein Wort noch vom anderen Ende der Fahnenstange: So nette, so intelligente, so herausfordernde Hindernisse auf dem Weg zum Produkt wünscht sich der kreative Bergarbeiter auch mal. Also echt.

 

twoday.net AGB

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